Das Streicheln der Seele

Siehst du nicht, wie Gott das Gleichnis vom guten Wort anführt? Er vergleicht das gute Wort mit einem guten Baum, dessen Wurzeln fest in der Erde liegen und dessen Äste hoch in den Himmel ragen. Er trägt seine Früchte mit Gottes Erlaubnis zur bestimmten Zeit. Gott führt Gleichnisse für die Menschen an, damit sie sich Gedanken machen. Ein schlechtes Wort aber ist wie ein schlechter Baum, der aus der Erde entwurzelt ist und keine Festigkeit hat.
(Koran 14:24-26)

Frieden,

Unsere Koranlesung in Zürich bereitet allen Beteiligten große Freude (so haben wir letzten Sonntag deshalb eine extra Lesung gemacht) und es ist immer sehr erfrischend, da viele Themen besprochen werden und bemerkt wird, wie tief die Verse des Koran doch gehen. Dabei kam zum Beispiel auch zur Sprache, dass der Koran offen mit der Sexualität umgeht und von uns will, dass wir sie im richtigen Rahmen (einer Ehe) ausleben können. Bei der Besprechung sahen wir, dass es nicht ganz so einfach ist, eine dermaßen schöne Sprache zu entwickeln, wie es der Koran macht und es war auch teilweise ein gewisses Tabugefühl in uns allen vorhanden, so offen über dieses Thema reden zu können – so mussten wir oft schmunzeln oder waren verlegen. Allerdings lernen wir durch den Koran ja gerade, wie wir die richtigen Worte verwenden können, ohne dass wir uns gleich verlegen fühlen müssen.

Und das ist uns besonders aufgefallen, dass der Koran in sehr vielen Gesichtspunkten von uns will, harmonische weiche Worte zu verwenden, die eine Freundlichkeit nahelegen. Egal wem gegenüber. (60:8)

– Sprecht freundlich zu den Menschen. (2:83)
– Freundliche Worte und Verzeihen sind besser als ein Almosen mit nachträglicher Zufügung von Ungemach. Und Allah ist reich und mild. (2:263)
– Und macht nicht Allah mit euren Eiden zu einem Hinderungsgrund, gütig und gottesfürchtig zu sein und zwischen den Menschen Frieden zu stiften. Allah ist Allhörend und Allwissend. (2:224)
– Der Ehemann darf nach jeder Scheidung seine geschiedene Frau wieder in Würde heiraten oder sie im Guten und gerecht entlassen. (2:229)
– Gott verbietet euch nicht, gegen diejenigen, die euch des Glaubens wegen nicht bekämpft und euch aus euren Häusern nicht vertrieben haben, gütig und gerecht zu sein. Gott liebt die Gerechten. (60:8)

Es gibt noch zahlreiche andere Verse, doch eines wird klar, was bei unserer Lesung versucht wurde zu betonen: der Koran will, dass wir in allen Lebenslagen eine Art und Weise des Umgangs miteinander entwickeln, die geziemend, gütig und freundlich wirkt. Dies ist etwas, was sehr subtil ist. Etwas, das in Worte zu kleiden schwierig ist. Deshalb müssen wir darüber nachdenken. Das heißt nicht, dass wir alles zu tolerieren oder akzeptieren haben (wie in 60:13 erklärt), aber dass wir in weltlichen Dingen geziemend sein müssen. Wir haben die Seelen unserer Mitmenschen durch unsere Worte zu streicheln, Zärtlichkeit im Charakter zu zeigen ohne schwach zu werden oder Schwäche vermuten zu lassen. Eine echte konsequente, gefestigte Identität entwickeln, deren Stärke es ist, Freundlichkeiten als Grundlage des Seins zu nehmen.

Dabei stellt sich auch z.B. die Frage, wie ein Kind, das zum Beispiel sexuell oder physisch missbraucht oder von den Eltern vernachlässigt wurde, mit den entsprechenden Personen umzugehen hat. Denn diese Wirklichkeit müssen wir akzeptieren, dass es Menschen gibt, die solch Schändliches begehen. Verzeihen ist das oberste Gebot (42:43), was aber große Geduld erfordert. Es wird von uns auch verlangt milde Worte sogar gegen eine dermaßen arrogante und selbstherrliche Person wie Pharao zu gebrauchen (20:44). Wir haben darüber hinaus jedes Recht der Welt, gegen Menschen vorzugehen, die Schändlichkeiten und Ungerechtigkeiten begehen (41:41-42). Aber wir haben dennoch ihnen gegenüber gütig im weltlichen Leben zu bleiben! (31:15)

Ohne die eigene Identität und die eigenen Erfahrungen zu verleugnen, ein Ventil für angestaute Gefühle und Wut zu finden ist ein Teil der Hingabe zu Gott. Das Ziel ist, diese Gefühle in die richtige Bahnen zu lenken, wo sie viel mehr bewirken als einfach unkontrolliert primitives Ausleben der niederen Triebe.

Bei einer Scheidung sind zum Beispiel viele bewegte Gefühle vorhanden und doch wird uns geboten, die Frauen, von denen wir uns scheiden wollen, in Güte zu behandeln und sie in Würde zu entlassen – oder ebenso in Güte und Würde ohne Hast und Eile wieder zu heiraten. Eine Gesellschaft, welche diese wunderschönen Grundsätze des menschlichen Zusammenseins tief im Herzen trägt, wird ein unvergleichlich schönes Licht ausstrahlen und somit zu den besten unter den Menschen gehören, weil ihre Gesellschaft gesund ist und sich um das Wohlbefinden anderer sorgt (auch derer, denen großes Unrecht getan wurde) – ohne sich selbst zu verleugnen. Denn sie werden eine innere Stärke besitzen, die es ihnen erlaubt Anfeindungen und Beleidigungen abprallen zu lassen. Sogar noch mehr, sie werden im Gegenzug den Frieden anbieten. (25:63) Dabei ist dies nicht zu verwechseln mit den leeren Worthüllen, die einfach gedankenlos gesagt werden. (Sprich: Schwört nicht, (leistet lieber) einen geziemenden Gehorsam. 24:53) Erst beides zusammen ergibt die richtige Mischung: Gehorsam und geziemende Worte. (47:21) Wenn wir Geschenke machen, sollen wir diese nicht einfach übergeben, sondern dabei Worte der Zuneigung und Freundlichkeit wählen. (4:8) Und sprecht geziemende Worte. (33:32)

41:34-36 Das Gute ist nicht dem Schlechten gleich. Wehre ab mit dem, was besser ist und gleich wird derjenige, mit dem du verfeindet warst, wie ein warmer Freund sein. Diese Huld wird nur denen gewährt, die geduldig sind und denen, die ein Höchstmaß an innerer Größe besitzen und die großes Glück haben. Und wenn du von Seiten des Satans (zu Bosheit und Gehässigkeit) aufgestachelt wirst, dann such Zuflucht bei Gott! Er ist der Allhörende und Allwissende.

Möge Gott in uns den Knoten der Zunge lösen (20:27) und uns die Worte lehren, welche ein Öffnen unserer Herzen ermöglichen.

Behandelst Du die Menschen, wie sie sind, machst Du sie schlechter. Behandelst Du sie, wie sie sein könnten, machst Du sie besser…
– Johann Wolfgang von Goethe

Wir sollten beginnen darüber nachzudenken, wie wir mit Gottes Hilfe aus einer Position der Stärke freundlich sein können. Allen gegenüber.

Gott sei gepriesen, dass Er uns diese Lehre zugänglich macht.

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