Sinn der jüdischen Speisegesetze

Ein rational denkender Mensch, der in diesem Falle in der Regel auch noch Atheist sein wird, fragt sich zurecht, welchen Sinn religiöse Speisegesetze haben sollen – sei es die islamische Gesetzgebung oder die noch viel umfangreichere jüdische Kaschrut.
Vermutlich gibt es auch keinen Juden, der sich nicht schon einmal gefragt hat, warum es eigentlich ein Vergehen sein soll, ein Cordon Bleu zu essen.
Und eben dieser sich als rational denkend definierende Mensch wird als Erklärung wohl nur gesundheitliche Gründe gelten lassen, doch auf der Suche nach solchen Gründen wird wohl mit einiger Genugtuung scheitern und ein Jude, der dennoch meint, den Sinn der Kaschrut mit solchen Erklärungen rechtfertigen zu können, hat ebenso wie der Atheist nur wenig bis gar nichts über die Speisegesetze und deren Sinn verstanden.

Ein wichtiger Bestandteil des jüdischen Glaubens und eines jüdisch-praktizierten Lebens ist die Unterscheidung.
Schon in der Schöpfungsgeschichte, in den ersten Sätzen der Heiligen Schrift finden wir Zeugnisse solcher Unterscheidungen.

Da schied G’tt zwischen der Helle und dem Dunkel (1.Mose 1,4)

Und G’tt sprach: „Es werde eine Decke im Wasser drinnen und sei Scheide zwischen Wasser und Wasser!“ (1.Mose 1,6)

Und G’tt setzte sie an die Himmelsdecke, dass sie leuchten über die Erde, und um zu herrschen über Tag und Nacht und zu scheiden zwischen Helle und Dunkel. (1.Mose 1, 17-18)

Wenn man es so salopp sagen mag, kann man durchaus behaupten, dass die Schöpfung der Erde auf der Unterscheidung beruht – auf der Unterscheidung der Elemente und der Zeit.
Letztendlich schied G’tt den Schabat als heiligen Tag von den profanen Werktagen und Israel als Volk der Torah von all den anderen Völkern(Besonders in der Schabat- und Hawdalahliturgie findet dieser Gedanke Ausdruck).

Gelobt seist Du, Ewiger, unser G’tt, König der Welt, der unterscheidet zwischen Heiligem und Profanem, zwischen Licht und Finsternis, zwischen Israel und den Völkern, zwischen dem siebten Tag und den sechs Tagen der Arbeit […]
Gelobt seist Du, Ewiger, der unterscheidet zwischen Heiligem und Profanem!

[Auch mit der Beschneidung setzen wir ein bewusstes Zeichen der Unterscheidung von den anderen Völkern.]

Mit der Kaschrut ist es nicht anders.
Wir unterscheiden zwischen „geeigneter“ und „nicht geeigneter“ Nahrung. Aber warum ein solcher Aufwand?
Der jüdische Tisch ist nicht einfach nur ein Ort, an dem man Nahrung zu sich nimmt, sondern er ist viel mehr ein Altar und der Tischherr ist sein Priester.
Im Grunde genommen hätte G’tt auch Schwein für koscher und Lamm für ungeeignet erklären können – wichtig ist einfach nur, dass es die Unterscheidung gibt.
So wie G’tt einen Unterschied zwischen sich und die Schöpfung setzte, so setzt er auch einen Unterschied zwischen die einzelnen Bestandteile seiner Schöpfung.

Ich denke, diese kurze Ausführung macht deutlich, dass es für die Kaschrut keine gesundheitlichen Beweggründe gibt und das sie auch mehr als nur ein soziokulturelles Identifikationsmerkmal(was sicherlich auch eine Rolle spielt) ist, sondern die Kaschrut gibt einem profanen, triebhaften Vorgang, nämlich der Nahrungsaufnahmen, einen nachhaltigen und allgegenwärtigen Sinn.
Denn ein jüdisches Leben, so heißt es, soll ein einziger G’ttesdienst sein.
Eine jede Handlung(und dazu gehört auch die Nahrungsaufnahme) soll g’ttgefällig sein und ist ein Dienst an den Ewigen – gerade im Chassidismus lebt man diese Überzeugung.
Um sich dieser Bedeutung der Kaschrut bewusst zu sein, gehören als fester Bestandteil Gebete und Brachot zu ihr. Wir segnen unsere Nahrung und nehmen neben der ohnehin schon erfolgten Unterscheidung von ungeeigneter Nahrung eine weitere Heiligung vor – wir bereiten uns spirituell auf einen Vorgang vor, der nun nicht mehr so profan ist, wie er für die meisten Menschen ist und wie er uns erscheinen mag.
Anschließend danken wir G’tt – nicht nur für die Nahrung, sondern auch für all die anderen Taten und Geschenke G’ttes.
Wir sind uns der ständigen Gegenwart G’ttes und der Verantwortung für unser Handeln bewusst. Wir mäßigen uns und sind dankbar.
Das Speisen war also nicht nur ein nebensächlicher, aber dennoch notwendiger Prozess, sondern es war für uns eine Zeit des Innehaltens.

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