Urteilt nicht, versucht zu verstehen

von Hakan Arabacıoğlu,
aus dem Türkischen von Kerem A.

Vor zwei Jahren sah ich beim Sommerhaus, wie das fünfjährige Enkelkind unseres Nachbars ins Meer ging. Als es herauskam, wusch es sich jedes Mal die Füsse mit einem feuchten Tuch ab. Nur mit Finken stand sie auf dem Sand. Die Eltern sagten bei diesem Anblick stets Dinge wie "Ahh, die hat einen Putzfimmel!", "Mensch, ist dieses Mädchen pingelig!"


Die Situation war für mich sehr merkwürdig. Ich sagte zu mir, dass ich mit ihr reden sollte. Ich setzte mich neben sie

und begann zu fragen. "Was fühlst du, wenn du auf dem Sand stehst?" Sie dachte ein wenig nach, geriet unter Druck und sagte danach, dass sie sich ekle. Ich hakte nach, was sie denn ekle. Sie erzählte mir Folgendes: sie würden zusammen mit ihrer Babysitterin in ein Strandbad gehen. Ihre Aufsicht sage immer "auf diesen Sand haben Katzen uriniert, geh' deshalb, wenn du nach oben gehst, deine Hände und Füsse gründlich säubern." Aus diesem Grund sagte das Mädchen auch: "Hier ist überall Sand, die Katzen haben sicher auch hier in der Nacht uriniert."

Ich sagte zu ihr dann dies: "Schau, hier ist das Meer. Das Meer wäscht jede Nacht diesen Ort. Selbst wenn die Katzen hier urinierten, all das hier wird jede Nacht gewaschen und gereinigt." Sie sagte daraufhin "Okay". Nach diesem Tag sahen wir sie nicht mehr mit einem feuchten Tuch ihre Füsse abwischen.

Hätten wir diese Unterhaltung nicht geführt, würde das kleine Mädchen vielleicht ihr ganzes Leben lang Unruhe empfinden, wenn sie auf Sand steht. Und sie würde zusätzlich mit der Etikette "pingelig" weiterleben, der man ihr gegeben hat. Ich konzentrierte mich nur darauf, was sie fühlte. Als ich versuchte dies zu verstehen, fragte ich nicht "warum?".

Einer der Fehler, den wir in unseren Beziehungen oft begehen, ist es über unser Gegenüber gleich zu urteilen, ohne zu versuchen zu verstehen. "Dieser ist pingelig, diese ist so und so" zu sagen und zu kritisieren, versuchen die Person zu ändern – all das wird nicht fruchten. Wenn wir eine gesunde Beziehung wollen, ist das erste was wir machen sollten, zu versuchen die Person, ihre Gefühle und Bedürfnisse zu verstehen.

Ein Gedanke zu “Urteilt nicht, versucht zu verstehen

  1. Es gibt aber Menschen, die etwas dagegen haben, dass ich ihre Gefühle und Bedürfnisse hinterfrage, dazu gehört Offenheit und Ehrlichkeit. Außerdem gibt es Menschen, die nicht erkannt werden wollen und außerdem nichts von Selbsterkenntnis halten.

    Zum Beispiel habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich manchmal in meinem Anderssein von Anderen nicht angenommen werde. Dann urteile ich schon mit Worten wie Intoleranz, mangeldem Respekt, Ungerechtigkeit und Lieblosigkeit. Von mir weiß ich, dass ich viel Toleranz gegenüber dem mir fremd erscheinenden Menschen habe habe und Feindlichkeit mich traurig oder auch wütend macht.

    Ich lasse diese Menschen, gebe sie in Gottes Hände, und habe meinen Frieden nach einer gewissen Zeit. Jetzt fällt mir ein altes Sprichwort ein : „Es kann der frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem Bösen im Nachbarn nicht gefällt“.

    Was Besseres fällt mir zur Zeit nicht ein!

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