Führt die Moral zu Gott?

Versuche zeigen, dass selbst Babys, die noch keine Lernphase erlebt haben, Empathie und ein Spürsinn dafür haben, das Gute dem Schlechten vorzuziehen, und dass ein Gerechtigkeitsgefühl vorhanden ist.

Moral“ ist im Islam wie auch in vielen anderen Religionen ein äußerst wichtiges Thema. Wird die Geschichte der Philosophie betrachtet, so sind bezüglich der Behauptung einer „angeborenen Moral“ im Wesentlichen drei Arten von Antworten zu finden: die erste behauptet, dass die Menschen als „unbeschriebenes Blatt“ (Tabula rasa) zur Welt kommen, die Moral also nicht von Geburt an vorhanden sei. Die zweite sagt aus, dass die von Geburt an vorhandenen Eigenheiten der Moral der Menschen auf Grund von zufälligen natürlichen Vorgängen entstanden sei. Die dritte Behauptung hingegen, welche ich in diesem Artikel auch als beste Erklärung verteidigen werde, ist der Gedanke,

dass diese Eigenschaften von Gott in die Menschen gelegt wurde.

Besitzen wir von Geburt an ein Gespür für die Moral?

Den angeborenen Moralsinn unterstützen die modernen psychologische und kognitive Wissenschaften. Viele dieser Daten sind noch neu und wurden in wichtigen Wissenschaftsmagazinen veröffentlicht. Unzählige Philosophen sagten aus, dass die „Empathie“ einer der elementarsten Teile der Moral ist. Psychologen wie Simner und Dimion beobachteten in ihren Experimenten die Reaktion von Neugeborenen auf das Weinen von anderen Babys. Sie zeigten, dass wir von Geburt an Bestandteile sehr komplexer Eigenschaften wie die „Empathie“ besitzen. In vielen unterschiedlichen Versuchen wurde festgestellt, dass Neugeborene Stressreaktionen zeigten und zu weinen begannen, wenn sie andere Babys weinen hörten. Um herauszufinden, ob dies wirklich auf das Weinen hin bezogen war oder lediglich eine Wirkung des empfangenen Geräusches, hat man die Neugeborenen mit derselben Intensität anderen Geräuschen, synthetischem Weinen und ihrem eigenen Weinen ausgesetzt. Jedoch zeigten diese Babys nicht dieselbe Reaktion gegenüber diesen Geräuschen wie auf das Weinen anderer Babys.

Hamlin, Wynn, Bloom und gewisse andere Psychologen zeigten Babys, die das erste Lebensjahr noch nicht beendet hatten, hilfsbereite, behindernde und neutrale Puppen. Nachdem die Kinder die Puppen sahen, wurden sie dazu angeregt, sich zwischen der hilfsbereiten und der behindernden Puppe zu entscheiden. Es konnte beobachtet werden, dass die Kinder auf unmissverständliche Weise die hilfsbereiten den behindernden vorzogen. Die Kinder wählten zwischen den hilfsbereiten und neutralen Puppen die hilfsbereiten, zwischen den behindernden und den neutralen Puppen hingegen die neutralen Puppen.

In gewissen anderen Versuchen wurden Kindern unter zwei Jahren Puppen gezeigt, die mit einem Ball spielten und einige davon „gut“ und andere „schlecht“ waren. Es wurde bei der Vorführung dieser Puppen beobachtet, dass die Kinder die „guten Puppen“ belohnten und die „schlechten Puppen“ bestraften (indem sie zum Beispiel auf ihren Kopf schlugen). Diese Entscheidungen der Babys, die noch keine Lernphase hatten, unterstützen experimentell das Vorhandensein angeborener Moral. All diese Entscheide, die ohne jede Lernphase in so jungem Alter schon Anwendung finden, erfordern sowohl einen dermaßen komplexen Begriff wie Empathie, ein Gespür, das Gute dem Schlechten vorzuziehen, als auch einen Gerechtigkeitssinn, welcher Belohnung und Bestrafung umfasst. Sie sind ein Anzeiger für ihr Vorhandensein von Geburt an. Vor Kurzem haben viele wissenschaftliche Arbeiten – wovon ein kleiner Teil hier Erwähnung fand – aufgezeigt, dass man sich von der Idee des „unbeschriebenen Blattes“ in Gebieten wie Ethik und auch anderen verabschieden sollte.

Ein Produkt des Zufalls oder ein Plan Gottes?

Einige Atheisten, die den angeborenen Moralsinn akzeptieren, versuchten diesen mit blind-zufälligen Vorgängen, speziell mit der natürlichen Selektion zu erklären. Die wichtige Angelegenheit, die hier unterstrichen werden muss: Für die monotheistischen Religionen ist jedoch nicht die Frage wichtig, ob diese angeborene Eigenschaft durch die Evolution oder durch natürliche Selektion entstand, sondern ob sie durch blind-zufällige Prozesse oder als Plan Gottes entstanden ist. Denn in monotheistischen Religionen wie dem Islam wird geglaubt, dass Gottes Schöpfungen am meisten durch den Umstand der „mittelbaren Ursachen“ in Erscheinung treten: Wenn es regnet verwendet Gott die Wolken und bei der Schöpfung des Menschen das Zusammenkommen seiner Mutter und seines Vaters als Vorwand, als mittelbare Ursache. In diesem Fall – selbst wenn es schon oft diskutiert wurde – bin ich der Überzeugung, dass Gottes Verwendung der Evolution und der natürlichen Selektion als mittelbare Ursache keinen widersprüchlichen Aspekt zum fundamentalen monotheistischen Glauben darstellt. Tatsächlich ist es so, dass Wallace, einer der Väter der Evolutionstheorie, welche die natürliche Selektion beinhaltet, sowie Dobzhansky, einer der Väter des Neodarwinismus, und Collins, der Leiter des Projekts für das menschliche Genom, und nebst ihnen noch viele weitere berühmte Biologen, Philosophen und Theologen der Ansicht sind, dass die monotheistischen Religionen und die Evolutionstheorie nicht widersprüchlich sind.

Ich werde mittels zweier Punkte begründen, dass die Ansicht, unsere angeborene Moral als Produkt eines Gottesplans zu sehen, eine bessere Erklärung liefert als die Ansicht, dass sie als Produkt von blind-zufälligen Vorgängen entstand: 1. Moralbewusstsein; 2. Rationale Basis

Moralbewusstsein

Der generelle monotheistische Glaube geht in die Richtung, dass der Mensch anders als Tiere und Pflanzen eine unterschiedliche moralische Verantwortung trägt. Vergleicht man den Menschen und einige andere Lebewesen, bei welchen ein gewisses „selbstloses“ Verhalten beobachtet wird – so wie man seinesgleichen hilft, besteht ein wichtiger Unterschied darin, ob das Verhalten mit einem „Moralbewusstsein“ versehen ist oder nicht. Die Bienen, die ein „selbstloses“ Verhalten aufzeigen, indem sie ihr Leben opfern, tun dies nicht durch eine bewusste moralische Entscheidung und im „Bewusstsein“ von gut-schlecht und richtig-falsch, sondern als „unbewusste“ Befolger des genetischen Codes in ihnen. Diesem Umstand stimmt ein Großteil der Insektologen zu. Die angeborenen menschlichen Eigenschaften der Moral hingegen umfassen das Vermögen, anders als bei anderen Lebewesen mit dem „Bewusstsein“ von grundlegenden Begriffen wie „gut-schlecht, richtig-falsch, gerecht-ungerecht“ eine moralische Entscheidung zu fällen, was über ein bloßes, automatisches Befolgen eines Zieles hinausgeht.

Die Behauptung erscheint nicht logisch, dass das Auftreten einer sehr komplexen und dem Menschen eigenen Eigenschaft wie „Moralbewusstsein“ als Wirkung von blind-zufälligen Vorgängen hervorgetreten sei. Die monotheistischen Religionen hingegen schließen die blinden Zufälle aus und betrachten die Moral als Bestandteil des Schöpfungsplanes Gottes. Aus der Sicht dieser Religionen gibt es gute Gründe, wie R. Swinburne bereits hinwies, dass dem Menschen anders als anderen Lebewesen eine solch dem Menschen eigentümliche und komplexe Eigenschaft zugewiesen wird. Geht man davon aus, dass Gott die Menschen erschuf, ist es eine wahrscheinliche Erwartung, dass die Menschen ein angeborenes „Moralbewusstsein“ besitzen. Wohingegen bei einer atheistischen Annäherung dies nicht zu erwarten ist. Die Frage „Wieso ist das dem Menschen eigene und komplexe 'Moralbewusstsein' entstanden?“ erhält durch jene Existenzbetrachtung (Ontologie), die Gott ins Zentrum stellt, eine bessere Antwort als durch das atheistische Verständnis.

Die rationale Basis der Moral und Gott

Damit hier kein Missverständnis entsteht, möchte ich unterstreichen: Viele Atheisten können natürlich um einiges moralischer sein als die Gläubigen einer monotheistischen Religion. Ein solcher Atheist verhält sich passend zu den am Anfang erwähnten angeborenen Eigenheiten. Doch hier geht es nicht um die Frage „ob man moralisch ist oder nicht“, sondern darum, ob diese Lage eine „rationale Basis“ besitzt oder nicht.

Da die Atheisten die besprochenen angeborenen Eigenheiten als Ergebnisse blind-zufälliger Vorgänge bewerten, sehen sie die Moral wie die atheistischen Biologen Ruse und Wilson als eine „Sinnestäuschung“. (Auch berühmte atheistische Philosophen wie Nietzsche oder Sartre haben darauf hingewiesen, dass die Moralwerte ihre Richtigkeit verlieren werden, wenn Gott nicht vorhanden ist.) Eine der wichtigsten Eigenschaften der Moral ist ihre „Verbindlichkeit“. Nur wenn für die Verbindlichkeit der Grundsätze wie „du sollst nicht töten“ oder „du sollst nicht stehlen“ eine „rationale Basis“ gefunden werden kann, ist es möglich zu sagen, dass die Moral eine rationale Basis besitzt. Unsere angeborenen Moraleigenschaften sorgen nebst der Förderung der Verwirklichung moralischer Handlungen dafür, dass wir komplexe moralische Begriffe kennen und ein Moralbewusstsein besitzen. Wenn diese Eigenschaften jedoch als Produkt von blind-zufälligen Vorgängen akzeptiert werden, können für die Verbindlichkeit von moralischen Imperativen keine „rationale Basis“ angeboten werden. Die Interessen, Wünsche und Sehnsüchte der Menschen können gelegentlich ein Grund dafür sein, dass die moralischen Pflichten auf der Strecke bleiben können.

Nehmen wir zum Beispiel die Situation, in der ein mit Geld randgefüllter Geldbeutel auf dem Boden liegt, und gehen wir davon aus, dass garantiert niemand bemerken wird, wenn man diesen Beutel in die eigene Tasche steckt. Damit das moralische Imperativ „du sollst nicht stehlen“ in dieser Situation nicht seiner Bedeutung beraubt wird, kann hierfür – vorausgesetzt Gottes Nichtexistenz wird akzeptiert – keinerlei „rationale Basis“ gefunden werden. Die erwähnten angeborenen Eigenschaften oder die Erziehungsformen der verschiedenen Kulturen können selbstverständlich dafür sorgen, dass das Geld zurückgegeben wird, doch die „rationale Basis“ hierzu kann nicht mit der atheistischen Weltanschauung aufgezeigt werden. Denn dem naturalistisch-atheistischem Verständnis nach gibt es außerhalb der Natur keine Existenz. Physikalisch gesehen entstand die Natur aus Prinzipien wie Abstoßung-Anziehung, Wellen-Teilchen, Materie-Energie und in keinem dieser Eigenheiten der Natur kann eine unentbehrliche Bedingung der Moral gefunden werden, welche die Fundamente für ihre Verbindlichkeit begründen könnte. Doch die Imperative Gottes als Autorität über dem Menschen können in jeder Hinsicht die notwendige „rationale Basis“ für die Verbindlichkeit der Moral liefern. Das Verständnis, welches den Menschen als Ergebnis von blinden Zufällen akzeptiert, kann keine „rationale Basis“ für die Notwendigkeit finden, dass der Mensch, anders als die anderen Lebewesen, moralische Eigenschaften besitzt. Jene, die dieses Verständnis annehmen, können nicht einmal die grundlegende moralische Ansicht wie den Unterschied zwischen dem Töten von Bakterien beim Händewaschen und dem Töten eines unschuldigen Menschen begründen. Aus der Sicht der Anschauung, dass sich alles aus Zufällen entwickelte: welches ist die „rationale Basis“, die dem menschlichen Leben mehr Bedeutung beimisst als den Bakterien?

Die knifflige Frage, die hier von den Atheisten beantwortet werden sollte, lautet wie folgt: Wieso hat die Natur die angeborenen moralischen Eigenheiten hervorgebracht, die eine „rationale Basis“ nur im Falle von Gottes Existenz ermöglichen? Aus der Sicht der monotheistischen Religionen, welche die Naturphänomene als mittelbare Ursachen Gottes sehen, ist es eine zu erwartende Situation, werden diese Naturphänomene unsere Aufmerksamkeit auf Gott lenken. Doch aus der atheistischen Sicht zur Natur, für welche unsere moralischen Eigenschaften lediglich für das Leben auf dieser Welt und im Kampf um die Vererbung der Gene entstanden sind, gibt es keinen Aspekt, der das Prinzip moralisch zu leben „rationalisieren“ kann.

Als Fazit erklären die Daten der modernen Wissenschaft Annäherungen wie die Idee des „unbeschriebenen Blattes“ für ungültig, indem sie zeigen, dass angeborene moralische Eigenschaften vorhanden sind. Die Menschen haben von Geburt an eine der menschlichen Spezies eigene und sehr komplexe Eigenschaft wie das „Moralbewusstsein“. Nur wenn Gottes Existenz vorausgesetzt wird, finden diese angeborenen Eigenschaften eine „rationale Basis“. Schließlich wird dadurch aufgezeigt, dass die Ansicht, die besprochenen angeborenen Eigenheiten wurden von Gott in die Menschen gelegt, eine bessere Erklärung als die atheistische Vorgehensweise liefert.

von Dr. Caner Taslaman
übertragen aus dem Türkischen von Kerem Adıgüzel

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