Demut

In unserer heutigen Zeit hat Demut leider sehr viel an Bedeutung verloren, da sie fälschlicherweise oft mit Demütigung, Unterdrückung und Selbsterniedrigung verbunden wird. In dem nachfolgenden Text möchte ich aufzeigen, dass dem nicht so ist, sondern Demut viel mehr mit Dankbarkeit, Mut und Befreiung zu tun hat und dass sie vor allem auch eine Geistes- und Lebenshaltung ist.

Albert Schweitzer bezeichnete die Demut einmal als „die Fähigkeit auch zu den kleinsten Dingen des Lebens“ emporzuschauen. Um dies zu tun, müssen wir uns im geistigen Sinne nach unten begeben und Bescheidenheit üben. Wenn wir unsere Ansprüche zu hoch setzen und unseren Blick nur nach oben richten, werden wir die kleinen Dinge nicht wirklich sehen können, sie werden uns verborgen bleiben. Sind wir aber demütig, erweist sich das, was auf den ersten Blick klein scheint oft als wunderbar und groß. Dann werden wir diese Kleinigkeiten als etwas Besonderes ansehen, auch in dem Wissen um unserer eigene Geringfügigkeit und Kleinheit, verglichen mit der Größe Gottes. Zum Beispiel ein kleiner Stein, eine blühende Blume oder ein Schmetterling – das alles sind auf den ersten Blick kleine Dinge, von welchen aber jedes einzelne Gottes wunderbare Schöpfung offenbaren kann. Ebenso sollten wir, wenn wir vielleicht einen hohen Rang oder viel Wissen haben, nicht auf andere Menschen herabschauen und sie als geringer als uns selbst erachten. Jeder Mensch ist auf seine Weise einmalig und jeder hat besondere Talente oder Fähigkeiten. In der Fähigkeit, auch zu den kleinen Dingen emporzuschauen, erkennen wir an, dass wir von jedem und aus allem etwas lernen können. Niemand ist so groß, dass er nicht von dem Geringsten noch etwas lernen könnte. Allerdings sollte das nicht dazu führen, sich zu entwerten oder sich gar selbst zu verachten, denn das wäre falsche Demut. Vielmehr soll die Demut uns davor bewahren, uns selbst zu überschätzen und hochmütig und stolz zu sein.

Demut und Hochmut
Die Demut steht im Gegensatz zu Hochmut und Stolz. Wenn wir Demut üben, müssen wir unser Ego ablegen und erkennen, dass kein Mensch wirklich vollkommen ist. Wir dürfen uns selbst nicht zu wichtig nehmen, sondern müssen lernen, unsere eigene Begrenztheit anzuerkennen und nicht zu meinen, alles hänge nur von uns alleine ab. Wenn wir stolz sind auf unser Wissen, unseren Reichtum, unsere Talente oder unsere Erfolge ohne gleichzeitig dankbar zu sein und demütig anzuerkennen, dass nichts aus uns alleine kommt, so kann das dazu führen, dass wir hochmütig werden. Hochmut führt zu Selbstüberschätzung und Selbsterhöhung. Durch Hochmut entsteht Distanz im zwischenmenschlichen Bereich. Wenn wir uns, unser Können und unsere Erfolge überbewerten und uns für besser halten, grenzen wir uns zu unseren Mitmenschen ab und erhöhen uns selbst. Im Gegensatz dazu schafft Demut Nähe, da sie den Wert des anderen achtet. Sie schützt uns davor, uns über andere zu erhöhen und sie verleiht uns die nötige Erdhaftung.

Der Größte unter euch soll euer Diener sein. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht
(Bibel, Matth. 23,11-12)

Demut ist Mut
Demut ist Mut – Mut zur Demut, Mut zum Dienen, Mut zur Einsicht, Mut zur Menschlichkeit.

In Demut Gott zu dienen beinhaltet ebenfalls den selbstlosen Dienst am Nächsten. Dies bedeutet achtsam zu sein gegenüber unseren Mitmenschen und der ganzen Schöpfung.

Ihr Gläubigen! Kniet euch hin, werft euch nieder, dienet eurem Herrn und tut Gutes, auf dass ihr Erfolg haben möget!
(Koran, 22:77)

Demut ist auch Mut zur Selbstlosigkeit. Das heißt, unser Denken und Handeln sollte nicht nur von Eigeninteresse und Eitelkeit geleitet sein. Wir müssen vielmehr auch dazu bereit sein, uns selbst zurückzustellen und dort wo es nötig ist, selbstlos zu helfen und solidarisch zu handeln, ohne viel Aufhebens darum zu machen.

Solidarisch zu handeln könnte beispielsweise bedeuten, dass wir, wenn wir erkennen, dass jemand an seinem Arbeitsplatz gemobbt oder ungerecht behandelt wird, nicht einfach aus Angst vor Repressalien oder davor den Arbeitsplatz zu verlieren, stillschweigend zusehen, sondern dagegen einschreiten. Das kann viel Mut erfordern.

Ein Beispiel für die Eitelkeit: Wenn wir ein Ehrenamt in erster Linie nur deshalb ausführen, um öffentliche Anerkennung zu erhalten, so ist das die falsche Motivation, die nur uns selbst in den Mittelpunkt stellt.

Demütig zu sein, bedeutet also auch, nicht uns selbst in den Mittelpunkt unserer Handlungen zu stellen, sondern selbstlos zu dienen.

Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst
(Bibel, Philipper 2,3)

Demut befreit
Demut beinhaltet auch die Bereitschaft, uns selbst zu erkennen und anzunehmen, mit all unseren Ängsten, Fehlern und Schattenseiten, aber auch mit unseren Stärken, Fähigkeiten und Talenten, die Geschenke Gottes sind. Demut führt uns zu einer realistischen Selbsteinschätzung und lässt uns somit nicht die Bodenhaftung verlieren, indem wir uns höher oder geringer einschätzen, als wir wirklich sind. Wir müssen uns nicht vergleichen und sollten uns immer bewusst sein, dass niemand von uns vollkommen ist oder sein muss. Dies kann uns frei machen, denn wir dürfen sein, wie wir sind. Wir müssen uns nicht verstellen oder eine Rolle spielen, unsere Fehler und Schwächen hinter einer Fassade verstecken und in ständiger Angst leben, dass jemand hinter diese Fassade schauen könnte und unsere Schwächen entdeckt. Demut befreit uns von unserer Ichbezogenheit und dem Hochmut, zu meinen, alles selbst und aus eigener Kraft machen zu müssen. Wir müssen nicht perfekt sein, sondern dürfen unsere Grenzen und unsere eigene Bedürftigkeit anerkennen. Wir müssen nicht alles selbst können, sondern brauchen auch selbst die Hilfe anderer. Jeder Mensch sollte das tun, was ihm möglich ist, nicht mehr und nicht weniger. Gott fordert von keinem Menschen mehr als er leisten kann. Den Rest dürfen wir vertrauensvoll in Gottes Hände legen.

So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit! Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.
(1.Petrus 5, 6-7)

Demut vor Gott
Demut ist auch eine innere Einstellung zu Gott. Dies bedeutet, Gottes Allmacht anzuerkennen, uns Gott zu ergeben, uns zu beugen, geduldig ertragen zu können, auf Gott zu vertrauen und zu erkennen, dass letztendlich nichts ohne Gottes Willen geschieht. Dies schützt uns wiederum vor Überheblichkeit, da uns bewusst wird, dass nichts aus uns selbst kommt.
Indem wir demütig sind vor Gott, erkennen wir unsere eigene Begrenztheit an. In dem Wissen davon können wir uns Ihm anvertrauen, frei werden zum Gebet und unsere Ängste und Sorgen loslassen in dem Vertrauen, dass Gott für uns sorgt und uns trägt.

Und auch damit diejenigen, denen Wissen zuteil geworden ist, erkennen, dass es sich gewiss um die von deinem Herrn offenbarte Wahrheit handelt, so dass sie fester daran glauben und ihr ihre Herzen voller Demut zuwenden. Gott leitet die Gläubigen gewiss zum geraden Weg.
(Koran, 22:54)

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wahre Demut keine erzwungene Erniedrigung ist, sondern dass Demut mit Mut, Dankbarkeit und vor allem mit dem Vertrauen auf Gott zu tun hat. Demut bewahrt uns davor, uns selbst allzu wichtig zu nehmen. Es sollte uns immer bewusst sein, dass auch wir nur ein kleiner Teil eines großen Ganzen sind. Dabei hilft es schon, ab und zu einmal die Perspektive zu wechseln. Eine Ameise mag uns winzig erscheinen und wir für sie riesig sein. Aber wie groß sind wir in einem Vergleich mit einem Baum, einem Berg, unserer Erde oder des gesamten Universums? Jedesmal, wenn ich auf einem Berggipfel stehe und erkenne, wie all das, was uns oft so groß und wichtig erscheint, auf einmal ganz klein ist und in den Hintergrund tritt und dann im Vergleich dazu die Weite sehe, die sich vor mir auftut, fühle ich eine große Demut in mir und gleichzeitig eine unheimliche Freiheit.
Wenn wir demütig sind vor Gott, dann wissen wir um unsere eigene Begrenztheit. Dadurch werden wir frei von Stolz und Überheblichkeit, aber auch frei von Angst und frei von zu hohen Erwartungen. Im Vertrauen auf Gott brauchen wir keine Angst zu haben, zu kurz zu kommen oder nicht zu genügen. In der Demut lernen wir, den Versuchungen zu widerstehen und solidarisch zu sein mit den Schwächeren. Aus der Demut vor Gott kann uns Kraft erwachsen, die Kraft und der Mut zum Dienen.

„Wie wird das Meer zum König aller Flüsse und Ströme?
Weil es niedriger liegt als sie.“
(Lao Tse)

2 Gedanken zu “Demut

  1. Pingback: Mut und Demut - Sabrina Koch | creARTive Coaching

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