Toleranz – 2. Teil

Frieden und ein schönes, neues und von Gott gesegnetes Jahr 2011 wünsche ich Ihnen!

Wie versprochen möchte ich den Weg, wie wir unsere Augen öffnen können, ein wenig näher beleuchten. Beim Öffnen der Augen ist es immer wichtig, sich Gedanken über das Geschriebene zu machen. Welche Gefühle oder Empfindungen werden geweckt? Was wäre, wenn ich diesen oder jenen Satz streichen würde? Um gewisse Fragen im Ansatz befriedigend beantworten zu können erfordert es oft ein Mindestmaß an Wissen. So ist es bei Persönlichkeiten, die im Rampenlicht stehen und zumindest in ihrem eigenen Kreis geschätzt werden, sicherlich von Vorteil, wenn wir deren Rhetorik ebenso unter die Lupe nehmen. Fehler zu begehen ist menschlich. Sie zu entdecken und zu korrigieren eigentlich eine Pflicht. Schließlich nützt es mir ja nichts, dass ich auf die genau selbe Art und Weise meine Augen verschließe wie die Person selbst, auf die ich mich einlassen will.

Die Ausdrücke „Blutspur“, „politische Religion“ und „roter Faden“ legen bereits am Anfang den Grundton, das Grundgerüst für das Bild der Gedanken fest. Dass dieses Bild den Eindruck erwecken kann, dass hier gar von Religionskriegen die Rede ist, sollte nun verständlich sein, wenn auch nicht richtig. Dabei geht es hier weniger nur darum, dass ein gläubiger Mensch sich dadurch angegriffen fühlt, sondern auch, dass ein areligiöser Mensch sich geistig in die Richtung bewegen kann, dass Religionen an sich das Problem darstellen. Besonders der darauf folgende Satz Salomons kann diesen Eindruck bekräftigen. Dabei spielt die Wortwahl keine so große Rolle, sondern mehr, was mit den Worten an sich gezeichnet wird. Wir denken in Bildern, nicht in Worten. Dabei ist es unwichtig, was Salomon mit den Gedanken erreichen wollte, sondern mehr, wozu diese Ausdrucksweise fähig ist.

Häufig wissen wir erst was wir gesagt haben, nachdem wir es gesagt haben!

Das Denken Salomons lässt sich sehr schön aufzeigen, wenn wir seine Wörter betrachten, die er verwendet: Blutspur, Probleme, Gefahren, Etikettenschwindel, Farce, der religiöse Mensch erniedrigt (andere), Vernunft mit dem religiösen Virus infiziert, autoritäre Denkstruktur, ihre Irrtümer und verheerenden ethischen Konsequenzen, Sturheit, menschenfresserische Substanz, jegliches Gefühl für intellektuelle Redlichkeit verloren…

Dies zusammen mit der Tatsache, dass Salomon meines Erachtens unnötig viele Fachausdrücke verwendet, macht es für einen tiefgläubigen Menschen in der Tat schwieriger, sich mit den Gedanken auseinanderzusetzen. Dessen ist er sich sehr wohl bewusst, denn er schreibt: Dass das hierraus entstehende Gebräu so manchem allzu bitter schmeckt – damit muss ich leben…

Zu erkennen ist also eine radikale Brille, die Salomon aufgesetzt und mit welcher er die Religionen im Blickwinkel hat. Dass er dabei verallgemeinert und eben dadurch Fehler macht ist vorprogrammiert, selbst wenn er dann als Versuch des Differenzierens meint, nicht alle religiösen Menschen folgten diesem „Idealtypus“. Und das, obwohl er der Genauigkeit zuliebe (oder sollte ich sagen „Präzision“) Fachausdrücke verwendet. Doch gerade diese „traditionsblinden“ Religiösen werden dann entweder in ein „fundamentalistisches“ oder „aufklärerisch gezähmtes“ Bild gerückt – und natürlich sind beide Varianten wieder einmal hoffnungslos gefährlich.

Ich finde es schade, denn versuchte ich nicht den Koranvers zu befolgen, der von mir verlangt, ich solle allem zuhören was gesagt wird und dem Besten folgen (39:18), so hätte ich seinen Text wohl einfach ignoriert (etwas Ähnliches lässt sich in der Bibel auch finden, man schlage nur 1 Thessalonicher 5,21 nach). Dabei wäre es einfacher gewesen. Er hätte nicht einmal seine Radikalität aufgeben müssen.

Gerade eben habe ich ein Beispiel aus unzähligen demonstriert, dessen sich Salomon gänzlich unbewusst zu sein scheint. Es geht in diesem Artikel aber um etwas anderes. Fest steht: die „autoritäre“, also Unterordnung verlangende Religion kann durchaus eine Heilung in Gang setzen und der Koran gibt dies auch selbst wieder:

O ihr Menschen, zu euch ist nunmehr eine Ermahnung von eurem Herrn gekommen und eine Heilung für euer Inneres, eine Rechtleitung und Barmherzigkeit für die Gläubigen. 10:57

Gott verändert nicht den Zustand eines Volkes, bis sie selbst ihren eigenen Zustand verändern. … 13:11

Hätte ich mich nicht mit diesem „religiösen Virus infiziert“ und mich den „verheerenden“ Wirkungen nicht nur dieser Verse entzogen, also jedem Menschen zuzuhören, egal ob er Atheist, Humanist, Mörder, Friedensnobelpreisträger oder gar ein Vergewaltiger ist, so hätte ich wohl nie einen Nutzen aus Salomons Gedanken ziehen können. Denn ich kann nicht träge auf Gottes Wirken warten, ich habe Verantwortung für mich selbst zu tragen und meine in mir von Gott gelegten Anlagen wie Sinne, Vernunft und Nachdenken möglichst bestens zu gebrauchen.

Dabei stimmt es doch, es gibt Menschen, die sich in Diskussionen über das Gesagte hinwegsetzen, als ob sie mit ihren Meinungen auf einem höheren Podest stünden. Bemerken Sie bitte, wie ich hier das Bild anders dargestellt habe als Salomon: dass es hierbei um Menschen geht und die Religion an sich nicht einmal erwähnt wurde. Diese Arroganz im Denken ist in erster Linie menschlich, nicht religiös oder auch wissenschaftlich.

Nur weil man sich sicher wähnt, der „richtigen Religion“ anzugehören, heißt das noch lange nicht, dass unsere eigenen Gedanken die direkte Widerspiegelung der Göttlichen Wahrheit sind, selbst wenn wir aus den Schriften zitieren! Worte sind Platzhalter für Bilder und Vorstellungen. Was wir aus den Worten machen, ist menschlich und nicht notwendigerweise der gerade Weg der Rechtleitung. In diesem Punkt sollten wir Salomon ernst nehmen. Mit dem Etikettenschwindel hat er also durchaus Recht! Auch er kann uns unverhofft einen besseren Weg zeigen. Denn Menschen können oft als Vorwand dienen, um uns rechtzuleiten.

Der große Fehler ist das „religiöse Denken“ komplett in ein einzelnes, negativ bestimmtes Bild zwängen zu wollen. Ebenso unrealistisch ist die Darstellung des „nichtreligiösen Kommunikationspartners“ – oder einfach Gesprächspartner – als der Faire, „der nicht mit gezinkten Karten spielt“. Wie oft habe ich Diskussionen mit diesen eben erwähnten Zeitgenossen erlebt, wo sie sich einfach blind auf die „Autorität der Wissenschaft“ berufen und somit weitere Ideen im Keim ersticken oder gar nicht mal zulassen wollen! Da hat der nichtreligiöse Partner wohl „jegliches Gefühl für intellektuelle Redlichkeit verloren“! Wissenschaftliche Borniertheit – hört sich an wie ein Widerspruch? Religiöser Dogmatismus ebenso! Zumindest im Sinne der echten Hingabe an Gott.

Ich fühle mich nicht zu dem Glauben verpflichtet, dass derselbe Gott, der uns mit Sinnen, Vernunft und Verstand ausgestattet hat, von uns verlangt, dieselben nicht zu benutzen. – Galileo Galilei

Man sollte sich stets bewusst sein, gerade um fair zu bleiben, dass die Wissenschaft auch nur ein Glaube ist! Um diesen Punkt darzulegen ist die strengste der Wissenschaften dafür bestens geeignet. Die heutige Mathematik beruht zum größten Teil auf der sogenannten ZF-Mengenlehre. Dies ist eine Sammlung von Axiomen oder anders gesagt Glaubensgrundsätzen. Wenn wir die Philosophie in dieser Richtung weiter denken, so können wir zum Schluss kommen, dass Wahrheit nur innerhalb axiomatischer Systeme beweisbar ist. Anders gesagt: Wahrheit können wir nur durch anfängliches Glauben begreifen!

Als gläubige Menschen können wir besser mit der im Grunde gut gemeinten Kritik umgehen, wenn wir uns vor Augen führen, dass die Kritik am Glauben nicht Kritik am Göttlichen ist, sondern Kritik an unserer Vorstellung vom Göttlichen, an unseren menschlichen Ideen. Erst diese Offenheit gegenüber neuen Ideen ungeachtet ihrer Quelle, selbst wenn sie zu Beginn noch so abstrus erscheinen, wird uns die nötige Bereitschaft geben sich der göttlichen Leitung zu fügen. Dabei können wir das jenseitsorientierte Denken uneingeschränkt beibehalten. Der Koran beschreibt ja genau diese Menschen, die diese Offenheit verinnerlicht haben und Kritik als Geschenk wahrnehmen, als Diener des Barmherzigen (vgl. Vers 39:18). Dadurch werden sich Diskussionen auch angenehmer gestalten lassen. Oder Salomon würde wohl meinen, sie verliefen dann auf gleicher Ebene.

Schärfer formuliert: Man kann das jenseitsorientierte, religiöse Denken als ein kognitives Virus betrachten, das darauf ausgerichtet ist, das nach dem Prinzip der Widerspruchsfreiheit agierende, rational-logische Immunsystem der menschlichen Vernunft – zumindest partiell – lahm zu legen.

Das religiöse Denken, welches das Jenseits im Blickfeld hat, soll also eine Gefahr, eine Blockade für das Denken sein, welches die Lehre des vernünftigen Schlussfolgerns im Mittelpunkt hat. Zumindest teilweise! Nur schade, dass bei dieser „genauen“ und „einfachen“ Wortwahl versäumt wird zu erwähnen, dass es die Logik nicht gibt. Danach ist noch zu unterscheiden, welche Systeme der Logik wir betrachten. Es gibt zwar widerspruchsfreie, aber dennoch unvollständige Systeme. Ist also nicht ganz eindeutig.

Es lässt sich also scharf beobachten, dass sehr unscharfe Gedanken niedergeschrieben wurden. Nicht nur das, mit dem Mantel der Wissenschaftlichkeit wird eine eigentümliche Denkweise als eine Art „heiliger Schutzschild“ dargestellt und der „Virus“ des religiösen Denkens habe es sich zur Aufgabe gemacht, diesen „Schutzschild“ anzugreifen. Ich könnte noch weiter gehen und Salomon dasselbe virenhafte Denken unterstellen, welches er gerade seinen Widersachern unterstellen will.

Ideenvielfalt ist eine der Grundvoraussetzungen für eine gute Selbstüberprüfung. Und statt Ideen sterben zu lassen wäre es besser wir lernen einen guten Umgang mit ihnen.

Seine Hoffnung ist es, dass dieses religiöse Denken eines Tages ausstirbt. Er möchte es aussterben lassen. Irgendwann können Menschen an seiner Position stehen und sagen, dass es ein Akt der Menschenliebe sei, den Menschen vom „Virus des jenseitsorientierten, religiösen Denken“ zu befreien. Vielleicht haben diese dann eine größere und gewaltigere Gefolgschaft.

Werden damit vielleicht nicht bereits die Schwerter im Geiste geschliffen als eine verheerende Wirkung der ethischen Konsequenzen des Humanismus, welche eine weitere Blutspur nach sich ziehen können?

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Was habe ich da gerade gemacht?

Ein Gedanke zu “Toleranz – 2. Teil

  1. Lieber Kerem,

    Sehr guter Artikel! Sehr genau beobachtet und gut analysiert mit anschaulichen Argumenten und Erklärungen. Du hast hinter die Worte geschaut und dein Artikel regt frei von Emotionen zum Nachdenken, tiefer denken, zum Öffnen der Augen und somit auch zur Selbstbeobachtung an.

    In Frieden
    Kerstin

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