Perspektivwechsel

Urteile nicht über andere, bevor du nicht einen Monat lang in ihren Mokassins gegangen bist. (Indianisches Sprichwort)

Wir Menschen urteilen oft vorschnell über andere Menschen oder Situationen, weil wir die Dinge meist nur aus unserer eigenen Sicht- und Handlungsweise betrachten. Das indianische Sprichwort macht uns darauf aufmerksam, dass wir etwas nur dann wirklich beurteilen können, wenn wir bereit sind auch einmal unseren Standpunkt zu verlassen, den Blickwinkel zu wechseln und sich in die Situation anderer hineinzuversetzen. Dann sieht vieles plötzlich ganz anders aus, innerlich wie äußerlich. Indem wir in die „Mokassins eines anderen“ schlüpfen, ändern wir auch unsere Sichtweise. Man beginnt die Welt aus dem Blickwinkel des anderen zu betrachten, die Ansichten können sich ändern und Begebenheiten bekommen oft einen ganz anderen Stellenwert. Dinge, die wir vorher nicht gesehen oder beachtet haben, werden auf einmal sichtbar oder lassen sich nicht mehr ignorieren. Wir müssen dann häufig unser oft vorschnelles Urteil über eine bestimmte Situation oder über andere Menschen korrigieren.

Auch für eine gute und gelingende Kommunikation ist es notwendig, nicht nur in eingefahrenen Bahnen zu denken, sondern immer wieder einmal den Blickwinkel zu wechseln, um nicht in Kommunikationsfallen zu geraten, die aus einer einseitigen Denkweise und aus Vorurteilen entstehen können.

Die beiden nachfolgenden Fotos, die ich einmal bei einer Bergtour gemacht hatte, zeigen sehr anschaulich, wie wichtig es ist, hin und wieder einmal die Postion zu wechseln um ein möglichst ganzheitliches Bild zu erhalten. Das fotografierte Objekt ist immer das gleiche, jedoch von zwei verschiedenen Standorten aus gesehen. Und obwohl diese beiden Standorte nur ca. 200 Meter voneinander entfernt waren, ergab sich ein unterschiedliches Bild:

Von dem Standpunkt A aus sieht man links an der Felsspitze einen Baum und dann rechts zwischen den beiden Felsen noch einen Baum, von dem es scheint, als hinge er genau zwischen den beiden Felsen. Der rechte Felsen erscheint höher als der linke

Nachdem ich ein wenig weiter gelaufen war und noch einmal zu den Felsen schaute, ergab sich folgendes Bild:

Der linke Baum  war immer noch zu sehen, aber die linke Felsspitze schien nun fast gleich hoch wie der  rechte Felsen. Am auffälligsten aber ist, dass der Baum zwischen den Felsen nicht mehr sichtbar ist, so als ob es ihn gar nicht gibt.

Jemand der am Standpunkt A steht, sieht einen Baum zwischen den Felsen, den jemand vom Standpunkt B aus nicht sehen kann. Damit Person B diesen auch sehen kann, muss sie ihren Standpunkt verlassen und den der Person A einnehmen. Und wenn Person A verstehen will warum Person B nichts sehen konnte muss auch sie den Standpunkt und somit den Blickwinkel wechseln. Wenn jeder bei seinem Standpunkt bleiben würde und nicht bereit wäre auch einmal den des andern einzunehmen, könnte kein gegenseitiges Verständnis zustande kommen. Man redet dann vielleicht aneinander vorbei oder gerät sogar in Streit darüber, ob da  wirklich ein Baum ist oder nicht.

Um im Leben ein möglichst umfassendes Gesamtbild über etwas zu erhalten, um unser Wissen zu erweitern und um andere Menschen in ihrer Denk- und Handlungsweise besser verstehen zu können, sollten wir also immer wieder bereit sein die Perspektive zu wechseln, sowohl die räumliche und zeitliche, als auch die im sozialen und gesellschaftlichen Bereich. Wenn wir den Mut haben zum Querdenken, wenn wir immer wieder  bereit sind, eingefahrene Bahnen im Denken zu verlassen, dann können sich uns ganz neue Sichtweisen eröffnen, die sowohl unser Leben, als auch unser Zusammenleben mit anderen bereichern und positiv verändern können.

2 Gedanken zu “Perspektivwechsel

  1. Ich denke, dass kommt automatisch, wenn man mit Land, Hab und Gut, Tradition usw. nicht gebunden ist.
    Die Menschen wollen meistens verteidigen, was sie zu besitzen glauben und dabei vergssen, dass sie nichts besitzen außer sich Selbst. So kann man die eigene Seele durch Schutzmantel einsperren und so kann man sich nicht entfalten.

    Danke
    Salam

  2. Salam lieber Hanif,

    danke für deine Worte. Du hast Recht und ich denke wir alle vergessen das hin und wieder. Die einen mehr die andern weniger. Deshalb ist es auch wichtig, dass wir uns das selbst immer wieder bewusst machen.

    Liebe Grüße
    Kerstin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.