Moscheen – die Meinung eines Juden

Als Jude in Deutschland stimmt es mich traurig und beschämt es mich auch ein wenig, dass ausgerechnet ein Kind Israels – ebenfalls in Deutschland geboren und aufgewachsen – gegenüber einer anderen, wenn auch größeren Minderheit in diesem Land einen Ton anschlägt, der auf eben jenes Kind Israels in gleicher Weise zurückfallen könnte und es in der Vergangenheit bereits zwang, sich vor den Früchten einer solchen Rhetorik zu verbergen.

Es ist ein Ton der Verachtung, Intoleranz und einseitigen Informationsaufnahme mit dem der Journalist Ralph Giordano sich als jüdische Stimme lautstark gegen den Bau einer großen Zentralmoschee in Köln einsetzt. Dass er bei seinem engagierten Einsatz an wirklich wichtigen Fragen und Problemen, die tatsächlich und ohne jegliches Gutmenschentum diskutiert werden müssten, vorbeiredet und stattdessen eine unsinnige Logik propagiert, dass das kulturelle Selbstbewusstsein einer Minderheit mit der Ablehnung von Integration gleichzusetzen sei, kann und mag er nicht so recht einsehen.

Mich schockiert gar nicht so sehr die Tatsache, dass Giordano mit seinen Worten ausgerechnet dem scheinbar „rechten Rand“ der Gesellschaft zuspielt, der doch mittlweile eher das Fleisch um den eigentlichen Kern bildet, trotzdem er sich natürlich fragen sollte, ob dies eine nicht ganz so unwichtige Folge seines Redens ist, die er kleinreden möchte, sondern dass er sich zu dem macht, was ein Jude vielleicht ausgerechnet in Deutschland nie sein will und womöglich auch nicht sein sollte – ein Musterjude der Gesellschaft. Und für manch ominöse Gestalten ein Alibijude, der trotz aller Fremdenfeindlichkeit besagter Gestalten ein Beweis der eigenen „Weltoffenheit“ sein soll; wie auch immer die sich wohl gestalten mag.

Herr Giordano beklagt, dass eine weithin sichtbare Moschee ein Zeichen der kulturellen Machtergreifung und eine Absage an die Integration sein wird. Hinterhofmoscheen, davon kann man ausgehen, werden ihm aber sicherlich auch nicht recht sein. Quo vadis lieber Muslim?!

Giordanos düstere Prophezeiungen und Klagelieder führen uns direkt zu der Frage, was Integration ist, sein muss und sein darf.
Integration bedeutet, und das dürfte wohl der kleinste gemeinsame Nenner von uns allen sein, sich als ein Teil der Gesellschaft in der man lebt zu begreifen und dementsprechend seinen Platz einzunehmen. Integration bedeutet, aktiv ein Teil der Gemeinschaft zu sein. Besonders interessant wird eine solche Partizipation, wenn sie die Gemeinschaft voranschreiten lässt, wenn sie für gegenseitige geistige, soziale und kulturelle Bereicherung sorgt. Integration darf also nicht die kulturelle Selbstaufgabe zur Eintrittskarte in die Gesellschaft werden lassen. Denn dann befänden wir uns in dem Dilemma „Integration=Assimilation„, ein Weg, den die deutschen Juden einst bewusst wählten und auf dem sie scheitern mussten.

So wie wir heute das Recht in Anspruch nehmen, prächtige Synagogen zu errichten, darf es auch den Muslimen in Deutschland nicht verwehrt sein, Moscheen zu bauen. Trotz aller Integrationsdefizite, die es bei Migranten aus muslimischen Ländern zweifelsohne gibt, dürfen elementare Bestandteile des deutschen Grundgesetzes nicht missachtet werden.
Ich mag Giordano ja im Grunde genommen zustimmen, wenn er sich darüber empört, dass das Kopftuch als Schutz vor der Gier des Mannes gerechtigfertigt wird, doch wenn er im gleichen Atemzug Handschellen für die Männer als Alternative vorschlägt, kann man all sein Gesagtes als reinen Populismus abtun. Auch mit Polemik kann man es übertreiben und sich selbst ad absurdum führen.

Über Probleme muss selbstverständlich gesprochen werden, doch müssen wir bei aller kritischen Auseinandersetzung darauf achten, keine Phobie zu entwickeln und unserem mutmaßlichen Feind grundlegende Freiheiten abzusprechen. Eine Moschee ist eben keine kulturelle und territoriale Machtergreifung, sondern ein Zeichen dafür, dass man dauerhaft in diesem Land angekommen ist, auch wenn man geistig noch in einer anderen Heimat hängen mag.

Wer baut, der will bleiben„, heißt es immer wieder bei Synagogeneröffnungen und niemand empört sich, sondern zeigt sich im höchsten Maße begeistert. Warum dürfen solche Sätze nicht auch bei der Eröffnung einer Moschee fallen?

Warum muss sich ausgerechnet ein jüdischer Schriftsteller an die Spitze einer sinnentleerten Empörungswelle setzen und somit auch demonstrieren, dass ihm das gelungen ist, wovor es einem selbstbewussten Juden grault – er ist ein deutscher Musterjude geworden. Ein Journalist, der in den Augen der Öffentlichkeit eine „jüdische Meinung“ vertritt. Dabei ist es doch nur die Meinung eines Menschen, der zufällig Jude ist. Denn jüdisch geprägt ist an seinen Tiraden nichts.

Es kommt nicht auf die Größe einer Moschee an, und auch ein Kopftuch sagt nichts über die Trägerin aus. Nicht äußere Erkennungszeichen sind wichtig, sondern das, was in den Köpfen der Menschen ist. Wir dürfen uns nicht gegenseitig verprellen, wenn wir verhindern wollen, dass immer mehr Hass untereinander produziert wird.

2 Gedanken zu “Moscheen – die Meinung eines Juden

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