Kann ein Jude Deutscher sein?

„Kann ein Jude Deutscher sein?“ ist eine durchaus berechtigte Frage, die mir persönlich zwar vollkommen abwegig erscheint, aber dennoch eine Antwort verdient.

Die Frage ist für mich deshalb so abwegig bzw. die Antwort auf diese Frage ist für mich so eindeutig, weil man ganz einfach das jüdische Selbstverständnis oder auch ganz einfach ein historisches Faktum bedenken muss, was ganz klar definiert, dass wir Juden ein Volk sind. Wir sind nicht einfach nur eine Religionsgemeinschaft, wie es die nichtjüdische Umwelt in der Regel meint bzw. wahrnimmt, sondern wir sind ein Volk, dass in der Mehrheit in der Diaspora lebt, die auf die Vertreibung aus dem Lande Israel/Palästina durch die Römer zur Zeit der Zerstörung des zweiten Tempels zurückzuführen ist. In diesem Punkt kann man uns prinzipiell mit den Sinti & Roma vergleichen, ein Volk, das seit Generationen ohne eigenen Staat auf der Welt zerstreut lebt (wir haben mittlerweile allerdings den Staat Israel wieder).

Doch was das jüdische Volk so besonders und dadurch für Nichtjuden auch so schwer zu definieren macht, ist der Fakt, dass unsere Kultur nicht nur aus diversen Bräuchen besteht, wie sie ein jedes Volk hat, sondern, dass unser Volk der Überzeugung ist, von G’tt erwählt zu sein bzw. in einem Bund mit G’tt zu stehen. Es ist der G’tt der sich Abraham offenbarte, Isaaks Geschlecht segnete (dieses Geschlecht sind wir), Jakob den Namen Israel gab und uns durch Moses die Torah gab, als Weisung wie wir einen Teil zur Verbesserung dieser Welt beitragen können (Tikkun Olam). Dies ist allerdings weniger elitär gemeint als es vielleicht erscheinen mag. Das ist aber wieder ein anderes Thema.

Wichtig ist, dass man erkennt, dass das Judentum keine Religion als solches ist, sondern, dass das „Judentum“ die Tradition und der Glaube des jüdischen Volkes beinhaltet. Deshalb ist es auch für Nichtjuden so schwer und langwierig zum Judentum zu „konvertieren“, denn man nimmt eben nicht nur einen neuen Glauben an, sondern man erklärt sich damit auch zu einem Teil des jüdischen Volkes, lässt seine Wurzeln hinter sich und nimmt ein neues Schicksal an. Wie ein Konvertit sich dabei fühlt, weiß ich allerdings nicht.

Wir nennen uns nicht „Juden“, weil wir Anhänger des „Judentums“ sind, sondern wir nennen uns Juden, weil wir die Nachkommen des Stammes Juda sind, welcher einer der zwölf Stämme Israels ist. (Die anderen Stämme gelten als verschwunden.) Wir sind also ein Stamm des Volkes Israel, wir sind das Volk Israel, denn nur noch unser Stamm ist existent. Das „Judentum“ ist quasi das kulturelle und religiöse Erbe des jüdischen Volkes bzw. des Volkes Israel und doch bedingen sich beide Faktoren gegenseitig und sind beide nicht voneinander zu trennen. Ohne jüdisches Volk kein Judentum und ohne Judentum kein jüdisches Volk.

Das jüdische Volk ist also ein historischer Fakt, der nicht durch die Juden selbst als Abwehrreaktion auf das judenfeindliche Verhalten ihrer Umwelt in der Diaspora geschaffen wurde, sondern lediglich bewusst stärker betont wurde, zum Einen als Abgrenzung zur ursprünglich heidnischen Umwelt und zum Anderen, um den Zusammenhalt als Volk in der Diaspora zu wahren. Gleichzeitig zwangen einen aber natürlich auch die antisemitischen Umtriebe dazu, unter sich zu bleiben und es war Juden lange Zeit nahezu unmöglich irgendwie Zugang zur Mehrheitsgesellschaft zu finden.

Um als Volk Bestand zu haben, um als Volk weiterhin zu existieren, musste man sich also auf die gemeinsame Herkunft besinnen, man durfte sie nicht vergessen und der jüdische Glaube, der eng mit dem Land Israel verbunden ist, trug einen wesentlichen Teil dazu bei.

Ich denke anhand dieser Ausführungen wird deutlich, dass ein Jude zumindest im Sinne einer Volkszugehörigkeit kein Deutscher sein kann. Doch er kann sehr wohl ein deutscher Staatsbürger und (was noch viel wichtiger ist) ein Teil der deutschen Gesellschaft sein, die ohnehin zunehmend multikulturell wird, es letztendlich schon immer war.

Darin sehe ich übrigens auch den Sinn der Diaspora. Das jüdische Volk, so heißt es in den Schriften, soll ein Segen für die Völker sein. Das bedeutet, dass wir erkennen müssen, welche Verantwortung wir als Volk haben, welches überall wo es lebt (Israel ist hier eine Ausnahme) eine Minderheit darstellt. In jeder Gesellschaft, in der wir leben, müssen wir als Juden und vor allem auch als Menschen mit aller Kraft zum Wohle eben dieser Gesellschaft wirken. Mit Hilfe der Torah sollen wir versuchen die Gesellschaft, in der wir leben, zu verbessern. Wir sollen uns nicht einfach nur abschotten und die Torah an die nächsten jüdischen Generationen weitergeben, sondern wir müssen die Torah auch nach außen hin leben – wir müssen ein Vorbild für die Völker sein. Wir müssen als Juden bemüht sein, gute Menschen zu sein – wo immer wir auch sein mögen. So können wir positiv in dem Land wirken, in dem wir leben dürfen und auch dieses Land kann von uns als Minderheit lernen und profitieren. Wir können gegenseitig aneinander wachsen. Das schafft Toleranz und vielleicht auch ein wenig Glückseligkeit. Frieden und Gerechtigkeit, das ist der ganze Sinn der Torah und diesen Sinn müssen wir in die einzelnen Gesellschaften tragen.

Ich bin kein jüdischer Deutscher, aber ich bin ein deutscher Jude – mit anderen Worten: Ich bin ein Jude in Deutschland und somit ein Teil der deutschen Gesellschaft, an deren Wohl ich nicht nur aus egoistischen, sondern vor allem auch aus sozialen und humanen Beweggründen größtes Interesse habe. Als Jude erkenne ich diese Verantwortung… Doch vor allem auch als Mensch.

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